Schlesische Mundarten

Friedrich-Wilhelm Preuß

Begrüßung:

Ich bedanke mich für die Einladung als Referent zum Seminar „Schlesien ohne Grenzen“ eingeladen zu sein.

Natürlich grüße ich sie, liebe Teilnehmer und hoffe, alle ihre Erwartungen werden erfüllt.

Nun zu meiner Person:

Wie sie aus dem Programm ersehen, heiße ich Friedrich-Wilhelm Preuß und wohne etwa 40 Kilometer nördlich von Hamburg in einer 3000 Menschen lebenden Stadt bei Elmshorn in Schleswig-Holstein

Ich bin mit einer Waldenburgerin seit nunmehr 53 Jahren verheiratet und habe mit ihr zwei erwachsene Söhne.

Selbst bin ich 1943 in Schmiedeberg, heute Kovary, am Fuße der Schneekoppe geboren. Mein Elternhaus stand jedoch im Nachbardorf Quirl, welches heute Kostrzyca heißt.

Beruflich war mein Werdegang nach Schule und Ausbildung zunächst der Wehrdienst bei der Marine, ehe ich in den gehobenen Dienst bei der Stadt Hamburg eintrat und bis zu meiner Pensionierung blieb.

Mein Interesse galt frühzeitig meinem Geburts- und Heimatland Schlesien, dessen Kultur mich begeisterte. So stieß ich frühzeitig zur Landsmannschaft Schlesien und habe dort unterschiedliche Funktionen ausgeübt. Heute noch bin ich Leiter des „Arbeitskreises Archiv für schlesische Mundart in Baden-Württemberg“. In dieser Funktion bin ich auch hier heute eingeladen worden.

Mein Arrangement für Schlesien brachte nicht nur Arbeit und Freude, sondern auch Anerkennungen. So verabschiedete mich die Schlesische Jugend als Ehrenvorsitzenden. Von der Landsmannschaft Schlesien erhielt ich die höchste Auszeichnung, das Schlesierkreuz, wurde weiter vom Kuratorium für den Kreis Hirschberg in Alfeld/Hildesheim mit der Hirschberger Ehrenmedaille ausgezeichnet, sowie in Baden- Württemberg mit der Gerhart Hauptmann Medaille. Weitere Ehren lasse ich unter den Tisch fallen.

Soweit zu meiner Person und komme zum Thema.

 

Mundart ist Heimat

„Mundart ist die sprachliche Erschließung der Heimat“, schrieb Karl Rother aus Frankenstein, der die Sammlung „Die schlesischen Sprichwörter und Redensarten“ (Unveränderter Neudruck von 1927) der Nachwelt hinterlassen hat.

Nicht weniger eindringlich schrieb Johann Wolfgang von Goethe über die Mundart: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn der ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“

Wir Schlesier haben Veranlassung genug, uns auch dessen bewusst zu sein. Gerade das Land an der Oder hat eine Mundartdichtung vorzuweisen, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer unvergleichlichen Vielfalt gelangte, wie kaum ein anderes Kulturland Deutschlands.

Es begann bereits im Jahre 1660 als Andreas Gryphius (1616 – 1638) mit der „Geliebten Dornrose“, einer Bauernkomödie in schlesischer Mundart veröffentlichte. Karl von Holtei (1798 – 1880) gilt allerdings als Begründer der neuen schlesischen Mundartdichtung durch seine 1830 erschienenen „Schlesischen Gedichte“. Jahre später fand die schlesische Mundart durch die Dramen von Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) den Eingang in die Weltliteratur. Hauptmann bekannte zur Mundart in seinen Werken: „Ich beherrschte den Volksdialekt, so war mein Beschluss, diesen in die Literatur einzuführen“. An anderer Stelle betonte der Nobelpreisträger: „Ich wollte dem schlesischen Dialekt seine Würde zurückgeben. Man mag in 100 Jahren entscheiden, ob es gelungen ist.“

Kurze Geschichte Schlesiens

Wenn wir uns mit den schlesischen Mundarten beschäftigen, müssen wir gleichfalls einen Blick in die geschichtliche Entwicklung tätigen. Schließlich stand Schlesien etwa 200 Jahre unter ungarischer, 700 Jahre unter Habsburg-Österreich- Einfluss und letztlich 800 Jahre unter der Egide Preußens, also unter deutschem Einfluss.

Blicken wir einmal zurück:

In der Frühzeit gab es weder Deutschland noch Polen. Das Europa seinerzeit bestand aus Fürsten- oder Herzogtümer, geprägt durch Adelsgeschlechter, hüben wie drüben.

Ich möchte die Geschichte erst etwa mit dem 12. Jahrhundert beginnen. Viele schlesische Piasten heirateten deutsche Fürstentöchter. Die bekannteste war Hedwig aus dem bayrischen Hause Andechs-Meran. Sie lebte von1174 bis 1243 und wurde 1186 mit dem Piastenfürsten Heinrich I vermählt. Da sie lieber bei ihrer Tante im Kloster bleiben wollte, gestatte man ihr als Mitgift etwa 500 Mitmenschen als Gefolge mit nach Schlesien zu nehmen. 1253 wurde Hedwig durch den Krakauer Bischof Stanislaus „Heilig gesprochen“ und wird bis heute als Schutzpatronin Schlesiens von Polen und Deutschen verehrt.

Als im Jahre 1241 die Mongolen in Schlesien einfielen, stellten sich in der Schlacht auf der Wahlstatt bei Liegnitz Schlesier, Piasten und Slaven den Eindringlingen entgegen. Nach beträchtlichen Verlusten, Hedwigs Sohn Heinrich II fiel, hinterließen die asiatischen Reiterhorden ein verwüstetes Gebiet.

In der Folgezeit folgten deutsche Ritter, Mönche, Kaufleute, Handwerker und nicht zuletzt viele Bauern dem Ruf der einladenden Piasten zur Kultivierung des dünn besiedelten und zerstörten Landes. Den jungen und tatkräftigen Einwanderern, die meist aus Franken, Thüringen, Sachsen und Bayern kamen, wurden nicht nur Rechte versprochen, die sie daheim bereits besaßen, sondern erwünschte Freiheit hinzu. Die Bauern legten ihre neuen Dörfer neben slawische Siedlungen an und übernahmen oft deren Siedlungsnamen. Sie erschlossen ungenutzte Bodenflächen und die Kaufleute gründeten Städte nach deutschem „Magdeburger Recht“

Im Vertrag von Trentschin erklärte der polnische König Kasimir III. 1335 unter Eid, dass die polnischen Piasten keinerlei Ansprüche auf Schlesien habe und niemals haben werde.

Eine besondere Prägung erhielt das Land an der Oder in der preußischen, sprich deutschen Zeit. Drei sogenannten „Schlesischen Kriege“ führte Friedrich der Große gegen die Habsburger, wobei nach dem siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) Schlesien endgültig in den Machtbereich Preußens fiel.

Sie sehen, dass durch diese häufigen Staatswechsel auch die Sprachlandschaft Schlesiens geprägt wurde.

Kommen wir aber nun zu unseren schlesischen Mundarten.

Die schlesischen Mundarten

Mit dem Begriff „Schlesische Mundarten“ ist räumlich gesehen nicht die ehemalige preußische Provinz Schlesien gemeint. Die fast 10 Millionen Menschen, die schlesisch sprachen, wohnten in einem Raum der erheblich größer war, als seinerzeit Preußisch-Schlesien. Dieses Gebiet bildet nur das Kernstück einer sprachlichen Region, zu dem nach allen Seiten hin noch große Räume mit schlesischer Zunge gehörten. (siehe Mundartkarte)

Die schlesische Sprachlandschaft im Westen erweiterte sich um das Gebiet der „Sechsstädte“ Lauban, Görlitz, Löbau, Bautzen Zittau und Kamenz.

Im Norden und Nordwesten, mit Ausnahme der wendischen Orte, sprach man schlesisch in der Niederlausitz. Reichenbach und Friedland im Nordböhmischen sowie das südliche Riesengebirge mit Hohenelbe, Spindlermühle und Trautenau zählte im Südwesten und Süden zur schlesischen Sprachlandschaft. Weiter erweiterte sich die Sprachgrenze im Südosten mit Nordmähren, das „Österreichisch-Schlesien und das Kuhländchen im Osten. In Oberschlesien gehörten die geschlossenen Stadt-und Dorfsiedlungen in den Bereich der schlesischen Mundarten.

Sie sehen hier die offizielle Mundartkarte Schlesiens, in der die offiziellen Teilmundarten dokumentiert sind und grenzüberschreitend wirkten. Sprachwissenschaftler, die sich mit den sprachlichen Gepflogenheiten Schlesiens beschäftigten, haben gemeint, dass das Land an der Oder wohl über 500 Dialekte habe. Sie ordneten die Dorf- und Stadtmundarten, so dass letztlich die Karte mit den acht Teilmundarten Schlesiens offiziell wurde.

Aufgezählt sind diese diese: Neiderländisch,

Oberlausitzisch,

Nordböhmisch,

Gebirgsschlesisch,

Kräutermundart,

Mundart des Brieg-Grottkauer Kreises,

Glätzisch

und Oberschlesisch.

 

Im Zuge des eintretenden Tourismus im 19. Jahrhundert, als Berliner, Dresdener und andere Deutsche das Riesengebirge als Urlaubsziele entdeckten, gewann die gebirgsschlesische Mundart an Stellenwert und entwickelte sich im deutschen Sprachgebrauch als die schlesische Mundart.

 

Wasserpolnisch

 

Häufig wird in der Allgemeinheit auch das „Wasserpolnisch“ als eine schlesische Mundart oder Dialekt genannt. Dieses ist jedoch unrichtig.

 

Unter Wasserpolnisch ist eine deutsch-polnische Umgangssprache zu verstehen, die in Oberschlesien östlich der Linie Namslau / Neustadt hauptsächlich gesprochen wurde. Sie ist auf dem Lande gepflegt gewesen und von der Arbeiterschaft des Industriegebietes gesprochen worden. Im Gegensatz hierzu sprach die Stadtbevölkerung deutsch.

Die Umgangssprache war zweifelsfrei polnischer Herkunft und von den östlichen Bergarbeitern ins Land getragen. Es handelt sich hierbei um mehrere dialektische Sprachzüge, die sich mit dem Deutschen vermischte.

Der Ausdruck nahm erst später den Charakter einer Minderwertigkeit dieser Sprache an. Es schwang immer so etwas wie  „verwässertes Polnisch“ und brachte ein verwirrendes Sprachdurcheinander.

In der Regel waren es deutsche Fachausdrücke, die mit polnischen Sprachendungen versehen wurden. Sicherlich hing es auch an der Industrialisierung Oberschlesiens zusammen, als polnisch sprachige Arbeitskräfte ins Land geholt wurden.

Den Ruf der Zweitklassigkeit, der Minderwertigkeit wurde dieses „Wasserpolnisch“ nie los.

Mundartentwicklung nach Flucht und Vertreibung in neuer Umgebung

Die Muttersprache steht im geistigen Erbe der Heimat obenan. In der heimischen Mundart (Dialekt kommt aus dem Griechischen) wohnt die Urform der Muttersprache und somit auch die Heimatliebe. Anders ausgedrückt, ohne Mundarten gäbe es keine Hochsprache, aber ohne Hochsprache auch keine Mundart.

Aus dieser Erfahrung oder wissenschaftlicher Meinung über die Sprachen und deren Umgang mit ihr, scheint die schlesische Mundart, wie alle ostdeutschen Mundarten, zum Aussterben verurteilt zu sein. In der Diaspora droht der Dialekt langsam aber sicher entweder in die Hochsprache oder in die neue Umgebungssprache unter zu gehen.

Völlig aussichtslos aber war und ist die Situation der ostdeutschen Mundarten. Durch Vertreibung von Millionen von Menschen aus ihren angestammten Gebieten, gleich welchen Landes, sind ihnen die Elemente ihres sprachlichen Seins genommen worden.

Seitens der Alleierten und Siegermächten des zweiten Weltkrieges wurde sogar in Deutschland verfügt, dass Menschen gleicher Orte nicht in unmittelbarer Nachbarschaft angesiedelt werden sollten. So wurde nicht nur den Schlesiern die Seele ihrer Mundart beraubt. Im häuslichen Bereich sprach man weiter sein Dialekt, aber in der Umgebung, Schule oder Ämter galt die Hochsprache Deutsch.

Somit ist das Sterben vieler Mundarten bei allen Flüchtlingen, Vertriebenen oder Menschen, die ihre angetraute Heimat verlassen mussten, egal wo auf dieser Welt, vorprogrammiert.

Hochdeutsch

Bei dem Begriff „Hochdeutsch“ handelt es sich keineswegs um eine besondere hochstehende oder kultivierte Sprache, sondern um eine notwendige deutsche Schriftsprache. Verbreitet wurde sie durch den deutschen Reformator Martin Luther, der Interesse daran hatte, dass seine Bibelübersetzungen überall in Deutschland gelesen werden konnten.

Auch war das damals entstandene Hochdeutsch die Basis für die spätere allgemeine Schulpflicht in Deutschland, die ohne eine einheitliche Sprache nicht denkbar wäre.

Heute ist „Hochdeutsch“ die deutsche Schrift- und Amtssprache.

Die Mundart also muss ihrer Bezeichnung zufolge „mit dem Munde weitergegeben“ eingeordnet werden.

Mundart ist und war folglich keine offizielle Schriftsprache, was ja auch aus dem Begriff selbst hervorgeht und in der Regel von der Mutter oder Familie zum Kind weitergegeben wird. (Muttersprache)

Die lautlichen Hauptmerkmale der schlesischen Mundarten

In seiner Forschung hat Wolf von Unwerth im Jahre 1908 von der Universität Breslau die Mundarten zusammen gefasst, die später durch die Sprachforscher Wolfgang Jungandreas, Ernst Schwarz, Günter Bellmann u.a. ergänzt und erweitert wurden. Nach deren Forschungen zeigten sich gemeinsame Züge im Sprachgebrauch.

Ein langes  „A“  und ein gedehntes „O“ Fallen im Schlesischen zusammen. Beide werden zu einem langen „OO“

z.B.  Schaf gleich Schoof

oder ein langes „U“ wird zu einem „UU“

z.B.  groß gleich gruus, oder Busch (Wald) zum Puusch

aus böse wird biese

Kurze Selbstlaute werden zu Doppelmitlaute.

z.B. Klotz zu Kloots, Nuss zu Nuus, Tisch zu Tiisch oder Loch zu Looch(k)

Die mittelhochdeutschen Doppellaute u, ü, i, t, wurden vor dem t inhaltlich gekürzt.

Einige Beispiele:  Der Hut wurde zum Hutt, das Buch zum Büchl, der Topf zum Toop, aber auch „eim Tuppe“, rufen wird zum ruffa oder ruffn, schliessen zu schlissa oder schlissn.

Das westgermanische „D“ ist zu einem „T“ verschoben, weiter das „B“ und „D“ werden zum P und T.

  1. B. Bauer zum Pauer, brüllen zu prilln, dumm zu tumm usw.

Das Schlesische, wie alle Mundarten oder Dialekte, sind konservativ und behielt seine Züge aus der mittelhochdeutschen Zeit.

Gegenüber den Nachbarmundarten unterscheidet sich das Schlesische durch die Wahrung seines Stimmentones.

Beachtlich sind die mundartlichen Gemeinsamkeiten des Wortschatzes.

Hier gehört vor allem das schlesische „Ock“, oder „Ak“, „Och“, das soviel bedeutet wie „bloß“

z.B.  satt ock  gleich  seht nur, oder „Wort ock“ gleich Warte doch oder „stieh ock“ gleich Warte (stehe) doch.

Dieses „Ock“ hat sich allgemein in Schlesien über die Grenzen sprachlich durchgesetzt und durch seinen häufigen Gebrauch zum Kennzeichen des „Schlesischen“ entwickelt.

Beschäftigen wir uns nun mit den einzelnen schlesischen

Teilmundarten

Dass sich im Schlesischen trotz vieler Gemeinsamkeiten im Vokalismus eine große Zahl von „Teilmundarten“ entwickelt hat, fällt auf. Die wissenschaftliche Mundartforschung trifft eine Zweiteilung und zwar in die Stammmundarten und in den Diphthongierungsmundarten.

Stammmundarten:

Unter den Stammmundarten versteht man diejenigen, die sich im schlesisch entwickelten Selbstlautstand im Land bewahrt haben.

Diphthongierungsmundarten:

In der Diphthongierungsmundart ist der Vokalismus besonders der Zerdehnung anders gebildet.

Die Grenze zwischen beiden Mundartformen verlief grob gesehen am Verlauf der Oder. Östlich und nördlich der Seele Schlesiens hat sich die Diphthongierungsmundart durchgesetzt, während alles was südlich, westlich und südöstlich gelegen ist, gehört in den Bereich der schlesischen Stammmundarten.

Diese Sprachlandschaft der Stammmundarten gliedert sich wiederum in eine Reihe von Teilmundarten.

Da ist vor allem das „Gebirgsschlesische“ hervorzuheben, weil es durch die Entwicklung des Fremdenverkehrs und des Tourismus im Riesengebirge sowie im Isergebirge profitierte und letztlich die Sprache der schlesischen Mundart wurde.

Im Gebirgsschlesischen wird das „en“ des Hochdeutschen beim Substantiv und Verb zu einem „a“, wie z.B.

Menschen  = menscha

Laufen    =  loofa

Kirschen  =  kerscha

Wir wollen essen = mer wulln assa

 

Die Verkleinerungssilbe wird zu einem „la“, z.B.

Bäumchen  = beemla

Töpfchen =  tippla

Ein kurzes „e“ wird ein geschlossenes, wie z.B.

Reden  = reeda

Aufzählen  = zeela

 

Weiter für das „age -oge  im Mittelhochdeutschen z.B.

Sagen  = soan, suan, soin

Gezogen = gezuon, gezoin,

 

je nach Landschaft und Dorf.

Ein Beispiel ein Auszug aus dem Gedicht von Ernst Schenke, geb. am 24. Mai 1896 in Nimptsch, verst. Am 11. Dezember 1982 in Recklinghausen.

„Tausend Worte Schlesisch“

Eine andere Art des Gebirgsschlesischen bildet die „Glätzische Mundart“, die wiederum in zwei Teilmundarten „Niederdörfische“ um Neurode und „Oberdörflich“ (um Habelschwerdt) unterteilt ist.

Das „i“ und „u“ wurden zum „e“ und „o“ gehellt.

Hier ein Beispiel: Milch  = melch

oder                     Junge  = Jonge

 

Das „ou“ wird zum langen „a“ (aa) z.B.

Boum (Baum) zum baam

Ougen (Augen) zum aacha

 

Weiter werden die Mittellaute z.B. „ei, öu, oge“ zu einen langen Laut oder zu Zwischenlauten.

Beispiel: Fleisch      = flääsch, flaasch oder flaisch

Wagen      = wään, woin

 

Auch hier ein Beispiel vom Lehrer und Heimatdichter Robert Karger, geb. am 24. Juni 1894b in Hohndorf, gest. am 17. Oktober 1949 in Amecke bei Arnsberg oder von dem noch Arbeitskreismitarbeiter Norbert Nitsche, der 1936 in Neurode geborgen wurde.

Westlich an die Sprachgrenze „Gebirgschlesisch“ grenzt die „Oberlausitzer Mundart“ mit dem Gebiet der alten „Sechsstädte“ Lauban, Görlitz, Löbau, Bautzen, Zittau – nur Kamenz fällt aus der Reihe und gilt sprach geprägt zur „Oberlausitzschen-Nordböhmischen“ mit Reichenberg und Friedland.

Östlich  des „Gebirgsschlesischen“ trifft man auf die Mundart des „Brieg-Gottkauer Landes“. Diese Mundart ist dem Lautstand des „Oberlausitzenden“ fast gleich. Deshalb zählen etliche Sprachwissenschaftler, wie z.B. Wolf von Unwerth, auch diese Mundart zum Oberlausitzischen.

Anstelle der gebirgsschlesischen Endungen „a“ durch ein „n“ oder „m“ gesprochen, wie z.B. essen  = assn

Schlafen  = Schloofn, schloofm

Weiter wird aus dem „la“ in ein silbiges „l“  wie z.B.

Bäumchen  = beeml

Töpfchen  = tippl

oder aber auch ein offenes langes „ä“ wie z.B.

reden  =  räädn

zählen = zääln

Die Lautverbindungen „age – oge“ erscheinen als „oi“

wie z.B. sagen  =  soin

gezogen  =  gezoin

 

Die Buchstaben „r“ und „l“ werden graumig ( Guttard) gesprochen. Dieses hat aber nichts mit polnischen Einflüssen zu tun, sondern stammen aus dem Englischen oder dem Holländischen, bzw. mittelalterlich aus dem Schlesischen.

Die Diphthongierungsmundarten

Diese Mundarten umfassen, wie erwähnt, die Sprachgebiete grob nördlich und östlich der Oder und wird volkstümlich als „Neiderländisch“ bezeichnet. Neiderländisch weicht in seinen Lautverhältnissen auffallend von den Stammmundarten ab.

Für das „i“ des Stammgebietes tritt ein „as“ oder auch ein langes „e“. Als Beispiel : Tisch  = taisch oder teesch

Schnitte = schnaite oder schneete

Und für ein langes „u“ aus den Stammmundarten erscheint ein langes „o“ wie z.B. Stube  = schtaube oder schtoobe

Gruus  = graus oder groos

Top     = taup

Kohle  =  kaule

Wie man den Gebirgler mit seiner Mundart, der Endung „a“ neckt (Du  kimmst wull voo durt oba runder, wu die grußa Pilza wachsa  miet da langa Stiela) so neckt man den Neiderländer mit dem Vers: „Geiste meite eiber de Auder? Dreibn in Mausik – drei Stiekl on Biehm, doas geiht amo schein“

Das Gedicht von Arthur Schoke gibt den lautlichen Klang des „Neiderländischen“ gut wieder.

Zwischen den Stammmundarten und den Diphthongierungsmundarten liegt in den Kreisen Breslau, Neumarkt, Liegnitz eine Art Übergangsmundart, die die Sprachforscher „Kräutermundart“ nennen. Sie hat ihren Namen von den „Kräutern“ oder „Gemüse“ den die Krautbauern rund um Breslau wohnten und zu den Wochenmärkten ihre Erzeugnisse wie Obst, Gemüse Kraut und Gewürzen den Städtern zum Kauf anboten.

Bisher habe ich die Betrachtungen der „Oberschlesischen Mundart“ außer Acht gelassen. Über volkssprachliche deutsche Verhältnisse gibt es so gut wie keine wissenschaftliche Arbeiten. Das Land Oberschlesien ist ein Bauernland, ein Waldland mit einer großen Schwerindustrie mit Erzgruben und Hütten. Lediglich Friedrich Graebisch hat sich mit dem bäuerlichen Oberschlesien nachhaltig beschäftigt. Nach seinen Erkundigungen sind die Lautverhältnisse dem Gebirgsschlesischen und der Kräutermundart einzuordnen sein.

Die Arbeiter auf den Hütten und Gruben sprachen vielfach eine Mischung vom volkstümlichen Hochdeutschen, den sprachlichen Volksmund und polnisch der Gastarbeiter. So entstand das „Wasserpolnisch“, das durch Rundfunk durch Kabarettisten und Witze mit Antek und Franzek beigetragen hat

Nicht unerwähnt bleiben soll das „Breslauer Schlesisch“. Hiermit ist für viele Breslauer eine Art von „Städteschlesisch“ gemeint, obwohl es in der schlesischen Hauptstadt eine Mundart, bis auf wenige Arbeiterviertel, nie gab. Die Umgangssprache in Breslau war Hochdeutsch. Aber wie in jeder Umgangssprache entstand auch in Breslau ein Gemisch von Mundart und Hochsprache. Das satzeinleitende „Nu“ oder „ein bissel“, wie auch „ock“ sind gemeinschlesisch, wie auch das Wort vom Breslauer Mundartdichter „Suste nischt, ock heem“, der zu den führenden schlesischen Mundartdichtern zählt.

Es entwickelten sich weiter Breslauer Redensarten oder Wörter, die die Zugereisten mitgebracht haben.

Typisch in der Redensart werden aber Lusche (Wasserpfütze), Kaschel (Eisbahn) dem Breslauer zugeschrieben, wie auch die Lerge. Letzteres kann als Schimpfwort, Anerkennung oder Liebesbeweis, je nach Ausdruck verwendet werden, genau so wie in allen schlesischen Mundarten, die doppelte Verneinung, wie nischte nisch.

Die diesem Vortrag zugrundeliegenden Quellennachweise und Informationen finden sie in:

 

  1. Mundart und Mundartdichtung in Schlesien von Wilhelm

Menzel Delp-Verlag München

  1. Schlesien Lexikon von Klaus Ullmann, Adam Kraft Verlag

Mannheim 1982

  1. Woas die Stoare pfeifa, Publikation des Arbeitskreises

Archiv für schlesische Mundart  (1982 -2018)

  1. Unser Schlesien von Dr. Klaus Hausdorf,

Karl Mayer-Verlag  Stuttgart

  1. Der Schlesier und ihre Mundart

Ausarbeitung der Landsmannschaft Schlesien

  1. Mundart ist Heimat, Aufsatz des Bundeskulturreferenten

der LM Schlesien in Königswinter

  1. Die schlesischen Sprichwörter und Redensarten

Von Karl Rother, Reprint Bläschke-Verlag Darmstadt

  1. Kleine Geschichte Schlesiens von Helmut Neubach

Ausgabe  2013 Senfkorn Verlag Görlitz

  1. Schlesien in Farbe von Josef Golitschek

Adam Kraft Verlag, Würzburg 1990