HeimatKirche – mehr als eine Ausstellung

Margrit Kempgen

 Vortrag am Montag, 19. März 2018 im Hotel Sudetia, Bad Flinsberg

Titel: HeimatKirche – mehr als eine Ausstellung

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der diesjährige Themenschwerpunkt der Seminarreihe „Schlesien ohne Grenzen“ liegt auf den „Schlesischen Mundarten“ als Kulturerbe Schlesiens.

Wie Herkunft, Traditionen, Geschichten und vieles andere mehr gehören auch die Sprache und Mundarten zu den Dingen, die den Begriff „Heimat“ füllen. Sicher kann jeder von Ihnen noch weitere Aspekte zum Thema „Heimat“ benennen.

Wir haben uns vor einigen Jahren mit Jugendlichen auch an dieses Thema gewagt und zusammen mit ihnen unter dem Titel „HeimatKirche – kaum zu glauben“ die Ausstellung erarbeitet, von der aktuell jetzt 4 Rollups hier zu sehen sind.

Eingangs möchte ich kurz darstellen, wie es zu dieser Ausstellung kam.

Unsere Stiftung hat laut ihrer Satzung die Aufgabe, die geistige evangelische Tradition des gesamten schlesischen Raumes unabhängig von den wechselnden Grenzziehungen in enger Bindung an die jeweils bestehenden evangelischen Kirchen in Schlesien

zu erforschen,

weiterzugeben und

zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

Es geht also im Kern um Bewahren, Vermitteln und Weiterführen.

Diese Aufgabenstellung entspricht in vielen Bezügen der des Kulturreferenten / der Kulturreferentin am Schlesischen Museum. Von daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es zwischen unserer Stiftung und dem jeweiligen Kulturreferenten vielfache Kontakte und Kooperationen gibt. Dies war auch bei der Ausstellung „HeimatKirche“ der Fall.

Dr. Eiden, dem vorherigen Kulturreferenten am SMG, und mir war unabhängig voneinander aufgrund vieler Gespräche und Besuche in Polen und Deutschland aufgefallen, dass es gerade auch auf polnischer Seite bei jungen Leuten viel Interesse an der Geschichte Schlesiens gibt aber – wie bei den jungen Deutschen – geringe oder z. T. gar keine Kenntnisse. Was tun? Diesen Fakt akzeptieren und sich damit arrangieren? Oder das Interesse aufnehmen und sinnvoll umsetzen? Wir haben uns für Letzteres entschieden.

Da klar war, dass eine „flächendeckende“ Vermittlung von Kenntnissen unsere Kräfte und Möglichkeiten überstieg, entschlossen wir uns, exemplarisch vorzugehen mithilfe des Mediums „Ausstellung“.

Dafür wählten wir ein Thema, von dem wir wussten, dass es bei Jugendlichen nicht unbedingt ganz oben auf ihrer Interessenliste steht, und das aus unterschiedlichen Gründen auch sehr wenig in Elternhäusern zur Sprache kommt, nämlich: Kirche und Konfession.

Die 18 Jugendlichen, die im Projekt mitmachten, waren zwischen knapp 14 und 18 Jahren. Je zur Hälfte kamen sie aus Polen und Deutschland. Von den 9 jungen Polen waren 7 katholisch und 2 evangelisch, von den 9 jungen Deutschen 7 evangelisch und 2 konfessionslos. Die Jugendlichen stammten aus der Gegend von Militsch, Bunzlau und Lauban, Wurzen und Görlitz. Diese Zusammensetzung war zufällig, sie waren von Lehrern auf dieses Projekt aufmerksam gemacht worden und hatten sich selbständig für ihre Teilnahme entschieden.

Bereits diese Zusammensetzung brach mit Klischees und brachte die sowohl bei Deutschen als auch Polen neue Erkenntnis, dass nicht alle Polen katholisch sind, und nicht alle Deutschen eine Konfession haben. Sehr hilfreich war dann auch die Erkenntnis, dass die Konfession, die man auf der einen Seite der Neiße für „normal“ hält, weil ihr die Mehrheit der Bevölkerung angehört, auf der anderen Seite der Neiße eher die Ausnahme ist.

Besonders spannend wurde es, als wir alle gemeinsam die Friedenskirche in Schweidnitz besuchten, die bis dahin keinem der Jugendlichen bekannt war. Anhand des Kirchengebäudes und des Areals erläuterten wir die Geschichte dieser besonderen Kirche, worin sich katholische und evangelische Kirchengebäude unterscheiden, und welche theologischen Gründe es für die jeweils andere Ausgestaltung gibt. Alle Jugendlichen waren von der Friedenskirche nicht nur begeistert, sondern regelrecht fasziniert. Und die eineinhalbstündige Führung machte ihnen überhaupt nichts aus.

Zu einer interessanten und in gewissem Umfang auch aufschlussreichen Begegnung kam es dann im Anschluss an die Führung. Unangekündigt erschien Bischof Pytel in Dienstkleidung, d. h. im schwarzen Anzug und Hemd mit Collar, begrüßte mich herzlich, umarmte mich. Dies rief bei den polnischen katholischen Jugendlichen eine gewisse erkennbare Verwunderung hervor, die in völliger Verblüffung endete, als einer der Söhne des Ehepaares Pytel ebenfalls erschien, ihn mit Vater ansprach, und dann auch noch Frau Pytel ihren Mann herzlich begrüßte. Es dauerte eine ganze Weile, bis die polnischen katholischen Jugendlichen begriffen, dass es sich um einen polnischen evangelischen Pfarrer und Bischof und seine Familie handelte. Es war ihnen völlig unbekannt, dass evangelische Pfarrer i. d. R. verheiratet sind und das aus evangelischer Sicht „normal“ ist.

Dies brachte uns dazu, uns mit Fragen „Was ist typisch deutsch – was typisch polnisch?“ und „Was ist typisch katholisch – was typisch evangelisch?“ zu befassen. Die Jugendlichen haben ihre Antworten zunächst anonym aufgeschrieben. Sie finden die Antworten (Mehrfachnennungen waren möglich) auf den Rollups. Das sich daran anschließende Gespräch war für alle sehr erhellend, und es ist zu vermuten, dass die von den Jugendlichen aufgeschriebenen Klischees auch von der Mehrzahl der Erwachsenen geteilt werden.

Als Fazit der Projektarbeit mit den Jugendlichen kann festgehalten werden, dass ein solches Projekt nur sehr bedingt Klischees und Fehlvorstellungen beseitigen kann.

Aber die Arbeit an und mit ihr hat dazu beigetragen, dass eine Gruppe junger Deutscher und Polen mindestens ansatzweise gelernt hat, dass es sich lohnt, sich mit Kulturerbe zu befassen, sich selbst ein eigenes Urteil zu bilden durch Fragen, Gespräche und Zuhören, dass das sogar Spaß machen, und sich das Ergebnis in des Wortes wahrster Bedeutung sogar sehen lassen kann.

Darüber hinaus ist das Medium „Wanderausstellung“ sehr gut geeignet, auch weitere Kreise anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen.

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